Pottschach und Rudolf Steiner: Eine Spurensuche zum 150. Geburtstag

Aus Falter Nr. 8/11 23.2.2011 Geister in der Volksoper, das Ballett tanzt Buchstaben. 2000 Astralleiber aus aller Welt strömen in den Wiener Musikverein. Im Juni 1922 findet in Wien der internationale Kongress der Anthroposophie statt. Sie kommen, um Rudolf Steiner zu sehen: Der 61-jährige Designer, Pädagoge, Landwirt, Heiler, Theoretiker und Künstler reist aus dem schweizerischen Dornach an, wo sich die Zentrale seiner Bewegung befindet. „Ein alter, müder Bauer stand vor mir“, erinnert sich der Schriftsteller Max Hayek, der ihn im Hotel Imperial besucht; in den Gängen drängeln die Sinnsucher.

Der Anthroposoph im Kaffeehaus
Am 27. Februar feiern die Anthroposophen den 150. Geburtstag ihres Meisters. Eine vom deutschen Vitra Design Museum produzierte Wanderausstellung kommt im Juni nach Wien; sie zeigt einen mit Joseph Maria Olbrich und Josef Hoffmann vergleichbaren Universalgestalter, der Schmuckstücke und Möbel, Schriften und Häuser entwarf, vor allem aber den Versuch unternahm, das in zahllose Disziplinen zerfallende Wissen der Zeit in einem Theorieragout zu verrühren. Am Geburtstagswochenende bereist der Sonderzug „Rudolf Steiner Express“ Stationen des Lebens des Anthroposophen – einige Plätze sind noch frei. Schlusspunkt der Reise ist Wien, wo am 27.2. um 11 Uhr in der Österreichischen Nationalbibliothek gefeiert wird. Warum Wien?

Zurück ins Kaiserreich: Als Sohn eines Bahnhofsvorstehers zieht Steiner von einem K.u.k.-Kaff ins nächste. Vom kroatischen Donji Kraljevec geht es ins niederösterreichische Pottschach, dann nach Neudörfl und Brunn am Gebirge. An der Wiener Technischen Universität soll er zum Lehrer ausgebildet werden, trifft hier den renommierten Goethe-Forscher Karl Julius Schröer, der dem kaum 20-Jährigen einen beachtlichen Auftrag verschafft. Er soll den naturwissenschaftlichen Teil von Goethes Schriften aufarbeiten und herausgeben.

Bevor er 1890 nach Weimar zieht, um am Goethe- und Schiller-Archiv zu arbeiten, geht Steiner bei der Boheme in die Lehre. Er ist mit der Frauenrechtlerin Rosa Mayreder und dem Esoteriker Friedrich Eckstein befreundet, sitzt mit dem Komponisten Hugo Wolf und dem Schriftsteller Hermann Bahr im Café Griensteidl.

Angefixt von den modernekritischen Schriften Friedrich Nietzsches, trainiert Steiner den neuen Menschen ein: Bin ich der Übermensch? „Wien ist ein wenig bekanntes Kapitel seines Lebens“, weiß der Autor Wolfgang Zumdick, der einen Führer zu diesem Thema verfasst hat. Welche Spuren hat Steiner hier hinterlassen?

Rhythm Is a Dancer
„Das Leben ist Rhythmus“, sagt die Eurythmielehrerin Edeltraut Zwiauer und schlägt den Takt in die Luft. Taa-Ta-Ta-Taaah. „Das wussten schon die Griechen, und daher gefallen die uns so gut.“ Die alte Dame unterrichtet im Tanzsaal des Anthroposophischen Zentrums im vierten Bezirk eine Laiengruppe. Sie trägt ein bodenlanges, weißes Gewand. So kleidete man sich wohl einst, wenn man ein antikes Mädchen spielen wollte.

An der Wand hängt ein Foto von Rudolf Steiner in einem unregelmäßig geformten Holzrahmen. Die inneren Bilder haben auch keine geraden Kanten. Zu den Takten einer Schubert-Melodie wackeln die Senioren über den abgetretenen Parkettboden. „Eine Art durchgeistigtes Turnen“ nennt Steiner die Eurythmie, in der auch Buchstaben eine magische Kraft entfalten. Für das „I“ strecke man den rechten Arm Richtung Himmel.

Wer sich zum Profi ausbilden lassen möchte, kann bei Frau Zwiauer eine mehrjährige Ausbildung machen; der Therapie- und Coachingmarkt ist groß. Eine der Grundbedingungen für das Studium ist die Einsicht, „dass die Kunst der Eurythmie eine Lebensaufgabe für die Welt ist“. Kosmos, Aura, Substanz: In der Geisterwissenschaft geht es immer ums Ganze.

Die geschwungene Typografie auf den Flyern. Esoterische Reizwörter wie Astral- und Ätherleib. Das an katholische Pfarrheime erinnernde Ambiente. Der Geistertango. All das würde Stephan Siber, einer der Promotoren des Steiner-Jahres, am liebsten ausblenden. „Wenn man über Steiner spricht, wird man sofort in eine Schublade gesteckt; er gehört aber nicht nur den Anthroposophen“, erklärt Siber und und zündet sich eine Zigarette der Marke Waldorf-Astoria an. Steiner bekam 1919 von der Stuttgarter Waldorf-Astoria-Zigarettenfabrik den Auftrag, eine Schule für die Arbeiterkinder zu gründen. Daher heißen Steiner-Schulen heute auch Waldorf-Schulen.

In der neu eingerichteten Küche des Anthroposophischen Zentrums riecht es wie in einer Wohngemeinschaft der 80er-Jahre. Die ökologisch hergestellten und einen speziellen Geruch verströmenden Wandfarben gehen auf ein Rezept des Meisters zurück. Auch die milchig-grüne Lasur ist kein Zufall: Sie symbolisiert das Geistige, Steiners Kampfbegriff gegen das mechanisch Entseelte. „Sehr kluge Menschen zeigen viel Grün in ihrer Aura“, heißt es dazu in Steiners „Theosophie“.

Zwischen Drogerie und Joseph Beuys
Siber, ein Mann Mitte 30, hat die Steiner-Schule vorzeitig wieder verlassen („zu orthodox“) und absolvierte ein „neoliberales“ Studium an der Wirtschaftsuniversität. Später erst fand er zur anthroposophischen Ideenwelt seiner Eltern zurück: „Mir wurde bewusst: Wenn wir so weiterwirtschaften wie bisher, fahren wir gegen die Wand.“ Lieber als über den Astralleib spricht Siber über anthroposophische Sozialprojekte in brasilianischen Favelas und über den Einfluss von Steiner auf die Kunst von Joseph Beuys.

Auch das bedingungslose Grundeinkommen sei ein von Steiner geprägter Begriff, der durch den Unternehmer Götz Werner, den Gründer der deutschen Drogeriekette DM und überzeugten Anthroposophen, bekanntgemacht wurde. Populäre Marken aus dem Bereich der Naturkosmetik, etwa Weleda oder Wala, gehen auf Steiner zurück. Alternativmediziner hören – frei nach Steiner – auf die übersinnlichen Kräfte des Körpers; beweisen muss man sie nicht. Die von diesem entwickelten Methoden ökologischer Landwirtschaft sind noch immer aktuell. Dennoch klingt Steiner wie Jugendstil, wie eine Lebensreform, aus der alle Jugend gewichen ist.

Die meisten der 800 Mitglieder der Anthroposophischen Gesellschaft Österreichs haben bereits das Pensionsalter erreicht. Den letzten Relaunch erlebte die Marke Steiner Ende der 70er-Jahre, als die alternative Bewegung den Anthroposophen als einen der ihren entdeckte. Gesund leben, sich spüren, eins werden mit dem Kosmos: Nirgends ist die distanzlose Sorge um sich selbst so ausführlich beschrieben wie bei Steiner.

Blaue Reiter, lichte Höhen
Wassily Kandinskys „Komposition IV“ ist auf Postern und Postkarten zu Tode reproduziert worden. Die Umrisse von Bergen und der Sonne sind stilisiert, die Farben zu Flecken geronnen; daher ging das 1911 gemalte Bild als eines der ersten abstrakten Kunstwerke in die Geschichte ein. Der russische, nach München emigrierte Künstler malte allerdings nicht aus dem Bauch heraus, sondern bezog sich in seinen frühen Bildern auf esoterische Ideen, die auf Rudolf Steiner zurückgehen. „Kandinsky hat Steiner ernst genommen wie kaum ein anderer Maler seiner Zeit“, weiß der Steiner-Kenner Zumdick.

Das schmutzige Grau links unten symbolisiert die niedere Welt der sinnlichen Erscheinungen. Je näher man der strahlend weißen Sonne kommt, umso intensiver werden die Farben – der Erleuchtete ist den höheren Welten schon ganz nahe.

Dessen scheinbar spontane Kompositionen sind Übungen zur Erreichung übersinnlicher Zustände, heute würde man sagen: Halluzinationen. Der an der Technischen Hochschule Wien zum Techniklehrer ausgebildete Steiner lieferte Künstlern wie Kandinsky den parawissenschaftlichen Überbau.

Der Zufall will es, dass derzeit in Wien mehrere große Ausstellungen zur Urszene der Moderne zurückführen: Das von den Entdeckungen der Chemie und Physik entzauberte Ich sucht in der Kunst eine Kur.

Das Belvedere informiert über den Wiener Kinetismus, eine von der Esoterik beeinflusste Kunstströmung der 20er-Jahre. Hier sind auch einige hölzerne Eurythmiemodelle Steiners zu sehen. Die Albertina zeigt Werke der Münchner Künstlergruppe Der Blaue Reiter, der neben Kandinsky auch Paul Klee und Franz Marc angehörten.

Steiner hielt in München im selben Raum Vorträge, in dem „die Wilden Deutschlands“ (Marc) ausstellten. Dem metaphysischen Zeitgeist zugewandt, rüttelten die jungen Künstler an den Pforten der Wahrnehmung. Steiners „Wie erlangt man Erkenntnis der höheren Welten?“ (1909) war einer jener Besteller, die damals in den Künstlerateliers zirkulierten. „Wenn das alles nur kürzer gesagt wäre!“, notiert Paul Klee während seiner Steiner-Lektüre. Auch in Klees Werk wimmelt es von Engeln und finsteren Symbolen.

Freude durch Putzen
„Elementarwesen, das sind so etwas wie die Heinzelmännchen“, meint die Buchhändlerin Brigitte Iwin, die in der Burggasse in Wien-Neubau seit 1984 einen Laden für anthroposophische Literatur betreibt. Auch Iwin ist vorsichtig bei der Verwendung von Steinerismen. „Elementarwesen, Engel … – da kommt man leicht ins Lächerliche.“

Steiner habe Themen nur dann aufgegriffen, wenn er darum gebeten wurde, sagt Iwin. Das geschah offensichtlich recht häufig, denn sein Werk umfasst immerhin 100.000 Druckseiten. Er hielt 6511 Vorträge, die mitstenografiert wurden. In den Holzregalen stehen lange Reihen publizierter Reden, die Buchrücken folgen einer kalkulierten Farbsystematik, hinzu kommen Taschenbücher über Themen aller Art.

Neu auf dem Büchertisch ist eine Publikation der Reinigungskraft des Goetheanums über anthroposophisches Putzen: „Die Elementarwesen freuen sich, wenn geputzt wird“, kommentiert Iwin. Heute habe man es leichter mit dieser Art von Literatur: „Die Leute sind offener.“

Zu Iwins Kunden zählen die Eltern von Waldorf-Schülern, die Patienten anthroposophischer Ärzte und „Leute auf der Suche“. Auf dem Markt der Selbstformungstechniken ist noch immer Platz für Aura, der Boom von Yoga und veganer Ernährung verrät die Sehnsucht nach einem höheren Level. Aber wer will sich durch tausende Seiten obskurer Theorien quälen? Die Steiner-App harrt noch ihrer Entwicklung.

Du sollst dein Leben ändern!
„Sprechen wir bitte nicht von Unterschieden“, sagt die Pädagogin Juliane Grohe. Im Garten der Rudolf-Steiner-Schule Pötzleinsdorf stehen einige erodierte Götterstatuen und ein Grill. Der Blick schweift hinüber zum Pötzleinsdorfer Schlosspark, im Weiher schwimmen Gänse. Ob Steiner-Schule oder nicht, die Eigenschaften eines mündigen Menschen seien universell: Eigenverantwortung, Kreativität und soziale Kompetenz.

Die Geräusche instrumenteübender Jugendlicher wehen durch die Gänge. Hier wachsen welche heran, die wissen: Ich bin was Besonderes. Steiner schuf ein reformpädagogisches Programm, vom Kleinkind bis zum Erwachsenen. In Österreich veredeln 2500 Schüler die „niederen Wesensglieder“ zum runden Ich, in Deutschland sind es 60.000.

Grohe sitzt mit ihrem Kollegen Günter Schlicker in einer Klasse für Achtjährige. Auf der Tafel sind mit Kreide gezeichnete Märchenszenen zu sehen, an der Wand hängen Kunstdrucke von Raffaels Madonna und Franz Marcs blauen Pferden. Hier gibt es keine Schulbücher und (schon jetzt) kein Sitzenbleiben. „Geliebte Autoritäten“ (Steiner) trainieren die Fantasiekräfte der ätherischen Leiber vom Kindergarten bis zur Matura.

Souverän parieren Grohe und Schlicker die Kritik an dieser pädagogischen Gegenwelt. Privatschule bedeute nicht, über Privilegien zu verfügen, sondern mit den knappen Schulgeldern auszukommen. Kaum ein Schüler bezahlt den vollen Monatsbetrag von 369 Euro, denn das Schulgeld wird am Einkommen der Eltern bemessen.

Es heißt, das Selbstbewusstsein von Steiner-Schülern sei stärker entwickelt als deren Grammatikkompetenz?! Günter Schlicker: „Eine deutsche Studie besagt, dass Waldorf-Abgänger von Unternehmen aufgrund ihres eigenständigen Handelns bevorzugt eingestellt werden.“ In der Pisa-Studie schneiden die Waldorfianer jedenfalls überdurchschnittlich gut ab. Und die Steiner-Schulen profitieren vom allgemeinen Boom der Privatschulen. Im heurigen Schuljahr gab es in Pötzleinsdorf 38 Anmeldungen für die erste Klasse.

Homer und Humor
Individualität statt Nivellierung, Freiheit statt Drill sind Ideale dieser Reformpädagogik. Der Tendenz zur Weltabsonderung arbeitet man durch Praktika in Fabriken und Bauernhöfen entgegen. Nach der Gründung der Schule im Jahr 1983 renovierten die Eltern gemeinsam mit den Lehrern das zur Jugendherberge heruntergekommene Schloss. „Lernen Sie resolut zu denken“, predigte Steiner seinen Verehrern. Grohe räumt auch mit einem weiteren Klischee auf: „Auf den Fotos wirkt er so ernst; dabei war er durchaus humorvoll.“

Klassische Musik, Goethe und Homer: In dem Labor der Ichsteigerung überlebte ein rührend unzeitgemäßer Humanismus. Der Steinerismus wirkt wie eine mit Kohleöfen geheizte Altbauwohnung, in der ein Flügel den Flatscreen ersetzt. Man denkt an Steiner, den jungen Bohemien, der in Wien bei der Familie des Industriellen Specht sein Geld als Hauslehrer verdiente. 130 Jahre später gibt es sie immer noch, diese ganzheitlichen Enklaven in der Fastfoodketten-Wirklichkeit. Die ersten Übermenschen sind heute die letzten Bildungsbürger.

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